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Bizarre

Analysen des GEGENSTANDPUNKTs zu politischen und gesellschaftlichen Themen

Sendende(r): Louise Salome

Sendezeiten

Live:
3. Sonntag 18 Uhr

Wiederholungen:
4. Dienstag 9 Uhr (nur im Internet)
4. Donnerstag 12 Uhr

Sendungen

Sonntag, 19.12.2021


Alles 'Verschwörungstheorien'? Nein, wohl eher nicht! Aber eine elende Sehnsucht nach ‚NormalitĂ€t‘ und eine Linke, der vor lauter 'Rechten' kein kritisches Wort zu staatlichem Handeln einfĂ€llt ... eigentlich alles wie gehabt!
 
Da gibt es Zeitgenossen, die sich ĂŒber staatliche Freiheitsberaubung beklagen, weil sie einen Mund-Nasen-Schutz tragen sollen, um die Aus­brei­tung des Coronavirus zu hemmen. Die merken offenbar gar nicht, was sie damit ĂŒber ihre bĂŒrgerliche Freiheit zu Protokoll geben.
Zahlreicher, das muss zur Ehre auch des deutschen Volkes gesagt sein, sind MitbĂŒrger, die mehr oder weniger öffentlich darunter leiden bzw. öffentlich dafĂŒr bemitleidet werden, dass sie durch die staatliche Seuchenpolitik arbeitslos oder auf Kurzarbeit gesetzt werden und folglich mit ihrem Einkommen noch viel schlechter auskommen als sonst schon. Denen ist aber wenigstens so viel Unterscheidungsvermögen zuzumuten, dass sie aus dem Ă€rgerlichen Sonderfall des Lockdowns nicht gleich den Trugschluss ziehen, der Normalfall des alltĂ€glichen Arbeitslebens wĂ€re an und fĂŒr sich ein Inbegriff erstrebenswerter VerhĂ€ltnisse. Immerhin wirft der Ausnahmefall des erschwerten Lebensunterhalts ein Licht auf die Existenz- und Überlebensbedingung, die den erwerbsbĂŒrgerlichen Alltag so unbedingt beherrscht, dass man ihre Gemeinheit aus lauter Gewohnheit schon gar nicht mehr bemerkt: Das ganze Leben hĂ€ngt vom Geld ab, das Geld von der Chance, es zu verdienen, und diese Chance von Voraussetzungen, die eines auf jeden Fall nicht sind, nĂ€mlich im Griff derer, deren Existenz davon abhĂ€ngt. Auf der Grundlage und vergleichsweise ist es natĂŒrlich schön, wenn der Staat in vielen FĂ€llen mit einem Geld einspringt, das er wohlweislich vorher von der Masse der womöglich von plötzlicher Einkommenslosigkeit Betroffenen eingesammelt hat: Der Sozialstaat mit seiner Arbeitslosenkasse und seinen Pflichtversicherungen macht sich jedenfalls nichts darĂŒber vor, in welche AbhĂ€ngigkeit er die Masse seiner BĂŒrger stĂŒrzt und welche Drangsale denen daraus jederzeit erwachsen können. Wenn er im Notfall so segensreich aktiv wird, dann rĂŒckt das die QualitĂ€t des Normalfalls eines abhĂ€ngigen Erwerbslebens in ein ziemlich grelles Licht: wie wenig dazu gehört, damit aus dem gewohnten ‚von der Hand in den Mund‘-Leben die Katastrophe bĂŒrgerlicher ExistenzunfĂ€higkeit wird: Innerhalb von Tagen – ohne Staatshilfe – oder Wochen – mit Sozialstaat – gerĂ€t vom Wohnen bis zum Essen alles in Gefahr. Grund genug, dem Wunsch nach ‚RĂŒckkehr zum Alltag‘ mit ein bisschen Skepsis, auf alle FĂ€lle dem ersehnten Alltag lieber mit ein bisschen kritischer Aufmerksamkeit zu begegnen.
Schließlich gibt es einen Haufen Leute, die einiges von den zahlreichen Berichten darĂŒber zur Kenntnis nehmen, wie elend es den Massen in den sogenannten armen LĂ€ndern geht, wenn die zwecks SeuchenbekĂ€mpfung um ihre Subsistenz gebracht, womöglich vollends in ihren HĂŒtten eingesperrt werden: dass da der Hunger schlimmer wĂŒtet als die Seuche. Wen das gleichgĂŒltig lĂ€sst, dem kann man nur dazu gratulieren, wie bequem er sich in seiner Weltfremdheit eingerichtet hat. Wen die BrutalitĂ€t der Lockdown-Folgen in entfernten LĂ€ndern wenigstens irritiert, der sollte sich trotzdem davor hĂŒten, dem derzeit außer Kraft gesetzten Normalfall, der sonst dort herrscht, mit einem wie groß oder klein auch immer geschriebenen ‚immerhin‘ eine gewisse Resttauglichkeit fĂŒr menschliches Überleben zu bescheinigen – was ĂŒbrigens, nur das als Lesetipp, die implizite Botschaft all der teils besorgten, teils empörten, teils betont sachlichen Berichte ĂŒber schwere Einzelschicksale ist, ĂŒber entwurzelte indische Saisonarbeiter oder noch irgendwie vergnĂŒgte Favela-Bewohner, mit denen seriöse Medien ihr Publikum unterhaltsam aufklĂ€ren. Auch da wirft die BrutalitĂ€t der Ausnahme in Wahrheit nur ein Licht auf den unrettbar brutalen Normalfall, der sich von den Unerfreulichkeiten einer abhĂ€ngigen Existenz in marktwirtschaftlich bessergestellten Klimazonen hauptsĂ€chlich in dem einen Punkt unterscheidet: Die dauernd wackligen bis prekĂ€ren Existenzen im ‚wohlhabenden‘ Norden und Westen der Welt kommen ĂŒberhaupt – irgendwie, mit Hilfe sozialstaatlicher Umverteilung – ĂŒber die Runden, weil sie fĂŒrs globalisierte kapitalistische GeschĂ€ftsleben den Tatbestand der nĂŒtzlichen Armut erfĂŒllen, zu deutsch: der durch entsprechend bemessene Löhne stĂ€ndig reproduzierten Not, sich fĂŒr fremden geschĂ€ftlichen Nutzen dienstbar zur VerfĂŒgung zu stellen. Andernorts ist nicht einmal diese Sorte Dienstbarkeit gefragt, oder nur zu Bedingungen, die dem existenzvernichtenden Verdikt der kompletten Unbrauchbarkeit ganzer Bevölkerungsteile fĂŒrs WeltgeschĂ€ft mit dem Kapitalwachstum verdammt nahe kommen. Vom Lockdown dahin wieder zurĂŒck: Das kann im Ernst niemand gut finden.
Auf jeden Fall hĂ€tte, wer ĂŒber heimische wie exotische VerhĂ€ltnisse so denkt, wieder einmal eine Gelegenheit verpasst, aus einer Krise einen richtigen Schluss auf die Welt vor, nach oder ohne Krise zu ziehen.
 


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Interpret Titel

Aranis
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